Dieser Blog ist für ehemals Betroffene von Essstörungen, um von ihrer persönlichen Krankheitsgeschichte zu erzählen. Wir von DICK & DÜNN e.V. (http://www.dick-und-duenn-berlin.de) würden uns sehr freuen, wenn ihr eure Erfahrungen mit uns teilt! Eure Berichte können andere ermutigen und ihnen zeigen, dass ihr nicht allein mit euren Gedanken und Problemen seid und Heilung tatsächlich möglich ist. Daher sind gerade eure Erfahrungen unglaublich wertvoll und dazu da, Betroffenen Kraft und Hoffnung zu geben.

Was hat euch geholfen und darin bestärkt, wieder gesund werden zu wollen?

Welche Erfahrungen habt ihr mit Therapie oder evtl. einem stationären Klinikaufenthalt gemacht, was hat euch dabei geholfen?

Wie haben Freunde und Familie auf eure Essstörung reagiert, was war hilfreich und was nicht?

Gibt es noch Situationen im Alltag, in der die Essstörung wieder mehr Raum einnimmt? Was sind eure persönlichen Ressourcen und Strategien, mit solchen schwierigen Situationen umzugehen?

Welche Wünsche würdet ihr Betroffenen gerne mitgeben?

Unter „Kommentar verfassen“ könnt ihr euren Erfahrungsbericht schreiben und an uns senden. Dazu braucht ihr keine Registrierung oder Anmeldung und natürlich bleiben all eure Beiträge anonym – allerdings solltet ihr dazu euren Kommentar mit einem Nickname absenden. Da dieser Blog dazu dienen soll, über Wege aus der Essstörung in ein gesundes Leben und Lebensgefühl zu berichten, sind Angaben über Gewicht, BMI oder Kalorien, etc. nicht erwünscht. Beiträge, welche unpassend oder sogar krankheitverherrlichend sind, werden nicht veröffentlicht.

2 Antworten zu

  1. Marina schreibt:

    Es gibt einen Weg hinaus – man muss ihn nur gehen

    Die Welt der Essstörungen ist eine seltsame Welt und wenn man erst einmal in sie hineingeraten ist, ist es gar nicht so einfach wieder hinauszukommen. Egal ob man hungert oder Essanfälle hat, das Loch im Magen oder die Unmengen an Essen bieten einem einen Schutz, entfernen einen von der Welt, lenken von den eigentlichen Problemen ab.
    Auch ich habe einige Jahre in dieser Welt gelebt. Irgendwann wusste ich genau, was mit mir los war. Ich kannte die Diagnosekriterien auswendig, die Theorie war mir klar, aber die Praxis… Unter Essgestörten hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Essstörungen nicht heilbar sind. Vielleicht glaubte ich ebenfalls, dass es nie ganz normal werden würde. Vielleicht hatte ich einfach keine Vorstellung von einem Leben ohne Essstörung. Irgendwann würde alles besser – das war die farb- und konturlose Hoffnung, die ich hatte.

    Deshalb hielt mich wohl auch eine ambulante Therapie nicht davon ab weiter in die Essstörung hineinzurutschen. Ich beschäftigte mich mit den Ursachen meines Verhaltens, verstand Zusammenhänge, war aber nicht bereit das neue Wissen auch auf mein Verhalten zu übertragen.
    Ich hungerte und fraß also weiter und konnte dabei genau analysieren, warum ich es tat. Aber es ändern? Dazu musste ich erst an einen Punkt kommen, an dem nichts mehr ging. Ich musste mich erst so von der Essstörung einnehmen lassen, dass für mein normales Leben kein Platz mehr war. Erst als die Essstörung sämtliche Farben aus meinem Leben gelöscht hatte, saß ich da in der Dunkelheit und merkte, dass sie nicht die Freundin war, für die ich sie gehalten hatte. Dass sie mich hämisch grinsend vernichten wollte. Dass sie mich vom Leben entfernte und von meinen Zielen. Da wusste ich, dass ich umkehren musste. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich es mir eingestanden habe, aber ich brauchte Hilfe und zwar mehr, als mir bis dahin zur Verfügung stand. Deshalb entschloss ich mich zu einer stationären Therapie. Kein einfacher Schritt, aber eine gute Möglichkeit die Dynamik einer selbstzerstörerischen Essstörung zu durchbrechen, mit alten Themen abzuschließen und sich auf einen Neuanfang vorzubereiten.
    (An dieser Stelle möchte ich für die Zweifelnden anmerken: Viele glauben, sie seien nicht dünn oder nicht krank genug, um Hilfe annehmen zu dürfen. Egal ob Du extrem untergewichtig, etwas untergewichtig, normalgewichtig, leicht übergewichtig oder stark übergewichtig ist – wer extrem psychisch und/oder physisch unter seiner Essstörung leidet, kann IMMER Hilfe in Anspruch nehmen. Warte nicht erst, bis es Dir noch schlechter geht! Du vergeudest nur Lebenszeit.)
    Eine Klinik ist kein Zuckerschlecken, aber eine große Chance. Oft sind die Regeln streng und zunächst fühlt man sich in seiner Freiheit beschnitten, aber es lohnt sich sich auf das Behandlungskonzept einzulassen.

    Die Klinik war ein so starker Einschnitt – ich wusste, dass ich nach der Klinik nicht wieder dorthin zurückkonnte, wo ich vor der Klinik gewesen war. Ich hatte zu viel gelernt und war mir auch der Verantwortung mir selbst gegenüber bewusster geworden. Trotzdem konnte ich nicht sofort alles umsetzen und es funktionierte mit dem Essen nicht immer perfekt. Aber ich lebte wieder, mein Alltag hatte wieder Farbe bekommen und ich war achtsamer gegenüber mir selbst und meinen Bedürfnissen geworden.
    Es kamen Phasen, in denen es nicht so gut lief und ich nahm sie hin. Auf manche Probleme wusste ich einfach noch immer keine andere Reaktion als auf die alte Symptomatik zurückzugreifen. Aber wenn man in alte Muster zurückfällt, muss man sich auch wieder verstecken, muss Dinge verheimlichen und macht sich letztendlich selbst etwas vor.

    Ich war mir nach der Klinik meiner Ziele so bewusst wie nie zuvor. Seit ich klein war wollte ich Schriftstellerin werden und inzwischen wollte ich auch Filme machen. Beides hatte ich während der schlimmsten Phase meiner Essstörung viel zu sehr vernachlässigt. Und irgendwann erkannte ich: Die Essstörung stand meinen Zielen im Weg, würde ihnen immer im Weg stehen. Es vertrug sich nicht auf Filmvorführungen mit einem Loch im Bauch zu lächeln oder mit übervollem Magen etwas zu Papier zu bringen. Ich musste mich entscheiden: Entweder die Essstörung oder meine Ziele. Ich entschied mich für Letzteres. Ja, ich entschied mich bewusst dafür mit der ganzen Sache abzuschließen, mir nicht mehr kleine Hintertürchen offen zu lassen und ab und zu der Symptomatik zu frönen.
    Das kann man nicht? Oh doch! Man rutscht vielleicht nicht bewusst in eine Essstörung, aber man kann sich sehr bewusst für den Weg hinaus entscheiden. Niemand behauptet, dass das einfach ist, deshalb muss man ja auch wissen, wofür man es tut. Man muss die Dinge finden, die einem im Leben wirklich wichtig sind, die einen WIRKLICH glücklich machen. Denn die Essstörung wird es mit Sicherheit nicht tun.

    Wer der Stimme der Essstörung weiter gehorcht, wird nicht gesund werden. Und natürlich gab es diese Stimme auch bei mir: »Pass auf, dass du nicht zu dick wirst! Hast du jetzt zu viel gegessen? Du hast gar keinen Hunger, solltest du das nicht ausnutzen?«
    Doch dann sah ich mir mal bewusst an, wie »normale Menschen« essen. Sie halten keine Essenspläne ein, sie essen mal zu viel Süßes oder auch eine Tiefkühlpizza, sie essen auch mal weniger und vor allen Dingen: Sie machen sich KEINE Gedanken darum! Schließlich ist es weniger das Essen, das einen kaputtmacht, sondern die Gedanken darum. Doch um sich keine Gedanken mehr ums Essen zu machen, muss man sich mit einer Sache versöhnen: seinem Gewicht. Nicht jeder kann eine Modelfigur haben, nicht jeder muss sich in enge Röhrenjeans pressen und wir müssen uns verdammt nochmal nicht in retouchierte eindimensionale Plakatpüppchen verwandeln. Was bringt es einem schlank zu sein, aber total unglücklich? Jeder Körper hat ein individuelles Gewicht, auf das er sich einpendelt und es macht definitiv nicht glücklich den Körper dauerhaft unter seinem natürlichen Gewicht zu halten. Am besten schmeißt man seine Waage aus dem Fenster, denn was sagen dumme Zahlen über einen Menschen aus? Wenn man Normalgewicht (auch mittleres und oberes und auch leichtes Übergewicht) für sich akzeptieren kann, dann kann man sich auch von den ständig um das Essen kreisenden Gedanken befreien. Denn je mehr man sich davon loslöst, desto weniger wichtig wird das Thema im Leben und desto mehr Raum kann man anderen Dingen geben, die einem besser bekommen.

    Für mich ist das Thema Essstörung heute kein Thema mehr (außer auf den Lesungen zu meinem Buch) und ich wünschte, ich hätte in der Vergangenheit weniger Zeit mit diesem Quatsch verbracht. Natürlich hatte die Essstörung eine Funktion und ich habe viel über mich selbst gelernt, aber letztendlich hat sie sich zwischen mich und mein Leben gestellt und nur, indem ich sie losgelassen habe, konnte ich das Leben führen, das ich mir gewünscht habe.

    Man muss nicht jeden Tag gute Laune haben, aber man muss sich auch nicht alle Probleme dieser Welt zu Herzen nehmen. Man muss es nicht immer allen recht machen, man darf auch mal nein sagen. Man muss seinen Körper und seine Bedürfnisse nicht verleugnen, sondern man darf herausfinden, was einem gut tut. Letztendlich muss man nur eins: Irgendwann sterben. Mit einer Essstörung geht das schneller. Ohne kann man entdecken, was das Leben noch zu bieten hat. Und in Anbetracht dessen sollte man eine Entscheidung fällen und endlich LEBEN!

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